Gran Canaria · Tapas y Surf


"Es heisst, Hoffnung kann antreiben und stärken. Aber ist sie nicht auch immer begleitet von der Angst, dass das Erhoffte nicht eintreten wird? Was, wenn morgen nicht alles besser wird? Was, wenn der dunkle Tunnel nicht endet?"

Ein Ausschnitt aus dem Buch, das ich gerade lese und mir hinsichtlich der aktuellen Lage sehr passend erschien.


Das Coronatief ist eingetreten. Die Stimmung in meiner WG ist seit Wochen angespannt, der Durchhänger im Studium scheint nicht aufzuhören und allgemein fühle ich mich emotional völlig unausgeglichen und erkenne mich in meinen Stimmungsschwanken teilweise kaum wieder. Auf eine Art denke ich mir, es ist ok, das einfach mal zuzulassen, bei all den Unsicherheiten und Zukunftsängsten. Andererseits verfalle ich in eine Art Spirale, möchte mich selbst zur Dankbarkeit zwingen und einsehen, dass meine Lage immer noch so viel besser ist als die vieler anderer in dieser Krisenzeit und doch nervt einfach alles nur noch und jeder wünscht sich Normalität.


Als eine etwas verzwickte Situation schliesslich dazu führt, dass ich mich in Selbstquarantäne begebe, kommt schnell der Kurzschlussentscheid: Viki, wir müssen weg! Es wird Zeit für einen Tapetenwechsel. Seit Oktober können wir nicht mehr arbeiten, uns zwar voll und ganz aufs Studium konzentrieren, doch auch das ist seit Wochen wegen wenig Unterricht und Prüfungswochen wie pausiert. Die viele freie Zeit scheint uns sinnlos, würden wir doch gerne weggehen. Zum Start irgendwelcher Projekte scheint auch ein kreativer Durchhänger eingetreten zu sein. Wir recherchieren und recherchieren... Stupsen uns immer wieder an und pushen uns schliesslich zur Buchung: 1 Woche Kanaren, oder 2, oder 3?

Wir wissen es nicht, können nicht glauben, dass man Reisen kann, buchen alles mit Stornierungsmöglichkeit und malen uns zig Szenarien aus. Bis wir ungefähr 4 verschiedene Rückflugvarianten mit und ohne Inselhopping durchgeplant haben und es einfach wagen.


Nicht mal der negative Coronatest, der max. 72h vor Abflug vorgewiesen werden muss, lässt uns Ferienvorfreude wagen. In der Schweiz ist nochmals ein Winterschub eingebrochen und riesige Schneemassen ziehen an uns vorbei, als wir mit dem Bus Richtung Basel Flughafen fahren. Ich male mir schon aus, dass wir wegen des Kälteeinbruchs nicht fliegen können.

Abgesehen von ein paar mehr Formularen, viel weniger Leuten am Flughafen und der mittlerweile gewohnten Maske im Gesicht, verläuft der Check-in und Kontrollprozess wie gewohnt. Oder eigentlich viel angenehmer und entspannter mit den Abstandsregelungen. Und dann sitzen wir auch schon im Flugzeug, nur etwa 1 Woche nach Spinnen dieser Idee.


Ankunft und Sommerbeginn im Januar

Auch die Kontrolle bei der Ankunft in Gran Canaria verläuft reibungslos und unkompliziert. Noch nicht mal den Negativtest müssen wir vorweisen. Es ist später Nachmittag und wir sitzen erstmal eine halbe Stunde an der Busstation, bis wir den richtigen nach Playa del Ingles erwischen. Vor uns wippen Palmen im Wind und die sich langsam neigende Sonne zwingt uns schon jetzt zum Hervorkramen der Sonnenbrille. Es ist warm und sonnig und wir können nicht aufhören den Kopf zu schütteln und ab und zu unsere Maske anzuheben, um den Ferienduft einzuatmen.


Auf den Kanaren herrscht ein Ampelsystem gegen die Corona-Massnahmen. Das heisst, dass je nach Fallzahlen eine andere Alarmstufe eintritt und die Regeln entsprechend verschärft werden. Meist wird das wöchentlich entschieden. So wird jedoch gewährleistet, dass sich das Virus weniger ausbreitet und vor allem auch nicht von Insel zu Insel gelangt.

Als wir in Gran Canaria eintreffen, wechselt die Stufe gerade von Orange zu Rot, wodurch auch unser Inselhopping nach Fuerteventura nicht mehr möglich ist. Schade, aber könnte schlimmer sein, denn in Gran Canaria gefällt es uns von Beginn an super.

Für den Beginn haben wir uns ein sehr schönes Airbnb gegönnt, da wir noch ein paar Dinge für die Schule von hier aus erledigen müssen und Angst hatten, in einen Lockdown zu geraten und in einer schlimmen Unterkunft festzustecken.

Lidia ist von Italien auf die Kanarischen Inseln ausgewandert und ein absolutes Mami! Sie empfängt uns total aufgestellt und wir fühlen uns sofort wie zu Hause. Das ist sehr beruhigend, denn wenn irgendwas wäre hätten wir gleich einen Kontakt vor Ort, auf den Verlass ist.


Vom Winde verweht bei den Sanddünen

Die Gegend um Playa del Ingles ist bekannt, eine Touristenhochburg zu sein. Hier lebt die Schwulenszene von Gran Canaria und viele Deutsche Touristen überwintern in ihren Ferienwohnungen. Uns scheint die Gegend auch etwas eine Rentnergegend zu sein und wir fallen nicht nur wegen unseres Alters auf, sondern sicher auch wegen den Käsebeinen. Natürlich zieht es uns erstmals zum Strand. Zwischen den riesigen Dünen von Maspalomas wollen wir uns in die Sonne legen, doch der Kanaren typische Wind vermiest dieses Vorhaben und wir kehren schnell zur Promenade zurück. Überraschend und ungewohnt zugleich ist es, dass zahlreiche Restaurants geöffnet haben. Man merkt aber wie das Virus den Tourismus heruntergefahren hat. Zahlreiche Lokale scheinen Konkurs gegangen zu sein, die riesigen Hotelanlagen wirken wie ausgestorben und auch am Strand tummeln sich kaum Leute. Wir geniessen die neu gewonnene Freiheit bei unseren ersten Tapas und einem süffigen Sangria.

Zeit für einen Insel-Roadtrip!

Es ist tatsächlich schon 2 Jahre her, seit ich zum ersten Mal auf Gran Canaria war. Damals mit meinen Eltern, hatten wir für die gesamte Woche ein Mietauto und konnten so die unterschiedlichsten Gegenden der Insel erkunden. Viki und ich finden die perfekte Balance zwischen klassischem am-Pool-brutzeln und Erkundungslust fernab der Tourihochburg im Süden der Insel. Da auch das Essen in dieser Gegend eher enttäuschend ist, wir aber die Möglichkeit, wieder in Restaurants gehen zu können, in vollen Zügen geniessen möchten, entscheiden wir uns, für die nächsten Tage ein Auto zu mieten und mobil zu werden.

Gut dabei ist, dass ich einige Highlights aus meiner früheren Reise bereits kenne und wir so gar nicht zu lange nach Tipps recherchieren müssen.

Nach einem morgendlichen 1-stündigen Spaziergang am Strand entlang nach Maspalomas, bewegen wir uns ab nun auf 4 Rädern fort. Es zieht uns zum Playa de Amadores, einem traumhaften Strand, der auf Postkarten übersät ist von Sonnenschirmen und Liegestühlen, in der jetzigen Zeit jedoch überschaubar viele Leute beherbergt. Im Ciao Beach esse ich die beste Pizza der ganzen Woche, bevor uns der kühle Wind wieder vom Sonnen weglockt. Es zieht uns eine Bucht weiter, nach Mogan, der wohl schönsten Hafenstadt der gesamten Insel! Obschon der Ort wie ausgestorben scheint, haben seine hübschen weissen Häuser mit bunten Streifen und noch viel bunteren Blumen nichts an Charme verloren. Viki verliebt sich sofort in das Städtchen und wir bleiben noch lange hier, schlürfen einen Iced Coffee und Mango Mojito, bis wir zurück in unser Airbnb fahren und unser Spanisch bei Harry Potter mit Untertiteln aufbessern - Charry Potter.

Der Playa de Amadores von oben - sieht aus wie ein Mantarochen.
Puerto de Mogan.

Schwimmende Inseln

Wenn wir im Auto nicht gerade unserer Spanisss Playlist lauschen und die einzigen Phrasen, die wir kennen mitkrächzen, erwischen wir uns bei leicht schrägem Deeptalk. Roadtrips mit Viki machen einfach Spass! =D Unsere heutige Theorie, die fantasievolle Bilder im Kopf abruft ist, dass wir als Kinder immer gedacht haben, Inseln schwimmen auf dem Wasser. Eigentlich wie die aufblasbaren Inseln, die man zum Plantschen benutzt, quasi fliegend auf der Wasseroberfläche. Und jetzt wo ich das versuche zu recherchieren, bin ich gleich wieder verwirrt, ob das nun wirklich so ist oder die Inseln nicht doch am Ozeanboden "angemacht" sind. Klärt mich auf bitte ^^


Passend zu diesen Insel und Vulkanursprungsgedanken fahren wir zum Ursprung der Insel: Dem Bandama Krater. Beinahe alleine auf dem Gipfel nutzen wir die Zeit, die tolle Aussicht auf den grün überwuchterten Krater mit Kamera und Drohne festzuhalten, bevor wir die schmale Strasse zurück an die Küste hinunterschlängeln.

Vom Wasserloch El Bufadero aus, wo das Türkisfarbene Wasser des Atlantiks auf die schwarzen Vulkangesteine prallt, spazieren wir zum naheliegenden schwarzen Sandstrand. Hier findet das lokale Leben statt und uns fasziniert der erste von noch folgenden Kontrasten zum vielseitigen Leben auf der Insel.

Man merkt, dass hier eher Einheimische leben, denn auch die Tapas sind gleich um einiges köstlicher und vor allem günstiger! Mit nur 12 Euro ist es eine Preisreduktion von beinahe 50%. Krass!

Bei dem Spaziergang lohnen sich einige Blicke auf die Steine hinunter. An warmen Tagen sonnen sich hier grosse Echsen auf den Felsen und heute, wo es eher bewölkt ist, sehen wir riesige schwarze und rote Krebse herumtümpeln.

Schwarze Sandstrände haben einfach etwas magisches, was uns aus der Vogelperspektive noch viel bewusster wird. Das Wasser ist überraschend warm und abwechselnd werfen wir uns in die Wellen oder fliegen über den schönen Strand.


Das Lokale Leben hier gefällt uns sehr. Die Menschen scheinen sehr gesund zu leben und der ganze Umgang mit dem Virus wirkt irgendwie entspannter, was sicher auch auf das südländische Klima zurückzuführen ist. Mit problemlos einhaltbaren Sicherheitsabständen findet im Sand ein Gruppenworkout statt. Beim Parkplatz befinden sich Fitnessgeräte und die, die weniger auf Kraftsport ausgerichtet sind, "laufen" im Traineroutfit der Promenade entlang. Laufen, das scheint hier beliebt zu sein. Oder in Trainerklamotten sieht man auf Gran Canaria einfach automatisch sportlicher aus als im eher versifften Look zu Hause in der Schweiz ;).

Mein erster Sprung ins Meer - Happiness pur!

Irgendwann im Verlauf des Urlaubs kam uns die Idee, uns ein eigenes Surfboard zu kaufen. Auf unserem Frankreich Roadtrip letzten Sommer sind wir auf den Geschmack von den fortschrittlicheren Hardboards gekommen und da es auch hier Filialen der französischen Kette gibt, verschlägt es uns in den Decathlon. Wo leider unser Wunschmodell komplett ausverkauft ist und die Lieferfristen aufgrund der Insel logischerweise zu lange. Dann soll es wohl kein günstiges aus dem Discounter sein. Der Verkäufer empfiehlt uns eine Gegend im Norden der Insel. In La Palma befindet sich wohl DIE Surfpromenade entlang des Auditoriums, wo sich ein Shop an den nächsten reiht.


Wir googlen was das Zeug hält, nicht nur was die Spezifikationen des idealen Surfboards betrifft, sondern auch, wo wir auf der Inseln noch zum Surfen kommen. Über Travelonboards.de fällt die Wahl auf einen Wechsel in den Norden der Insel.

So misst man, ob die Boards in den kleinen Mietwagen passen werden :P

Als Abschluss im Süden dürfen wir natürlich einen Sonnenuntergang bei den Dünen von Maspalomas nicht verpassen. Und die tollen Fotos davon kommen jetzt:

Mit Vikis epischem Drohnenstart ^^

Unsere Zeit im Süden runden wir mit einem erneuten Besuch in Mogan ab, bei einer für Viki köstlichen glutenfreien Pizza im Ristorante 377. Etwas wehmütig verlassen wir die wunderschöne Unterkunft, freuen uns aber auch auf das Surfen im anderen Teil der Insel.


Surfen im Norden

In La Palma haben wir zwar ein ziemliches Downgrade, was die Unterkunft betrifft, doch die Wohnung liegt wenige Gehminuten von der Strandpromenade entfernt. Täglich spazieren wir etwa eine Viertelstunde an das südlichere Ende, wo sich der Surfspot befindet. Hier in der Hauptstadt der Insel findet das Leben statt! Während sich in Maspalomas eher Rentner und Pauschalurlaubende zu Hause fühlen und wir am schwarzen Sandstrand das lokalere Leben kennengelernt haben, wird diese Gegend von Jungen und vor allem Surfern dominiert. Oben ohne und mit dem Board unterm Arm über die Promenade zu spazieren, ist das normalste der Welt. Auch die Restaurants versprühen einen Surfvibe. Mit unserer Vegiernährung und Vikis Glutenallergie kommen wir total auf unsere Kosten, was das Auswärtsessen angeht und täglich geniessen wir leckeren Café con leche und Aperol Spritz. So lässt es sich leben!

Der beste Vegihotdog! Im The classroom las Canteras.

In der Taberna Chica werden wir vom Kellner schon beim Vorbeilaufen gegrüsst. Uns gefällt, wie wir an diesem Ort trotz der schäbigen Unterkunft angekommen sind und es zieht uns täglich an den Strand und in die anliegenden Restaurants. Den Entzug von menschlichen Kontakten merken wir so richtig, als wir auf einer wunderschönen Dachterrasse zu Abend essen und die anderen Gäste beobachten. Am liebsten würden wir einfach dazuhocken, glotzen und zuhören, so spannend ist es, mal wieder so viele andere Leute zu sehen.


Bei dem ganzen vergessen wir natürlich unsere Mission nicht: Ein Surfboard für mich! Über mehrere Tage hinweg recherchieren wir im Internet, lassen uns im Shop beraten und mieten unterschiedliche Boards, nachdem wir in etwa wissen, was passen würde. Schlussendlich muss man das Board auch einfach testen und es "Fühlen", was zu einem passt.

Abgesehen von den komplexen technischen Spezifikationen ist es also doch auch ein Bauchgefühl-Entscheid - i like =)

Nach dem täglichen testen finde ich schliesslich mein Board. Viki meint nur, mir sei nun völlig eine Sicherung durchgebrannt xD Die absolute Freude habe ich schon, als ich dem Board am Strand seine allererste Wachsschicht verpasse und erst recht, als ich in dem eher schwierig surfbaren Wasser die erste Welle erwische und kurz stehe - ein Wahnsinnsgefühl!

Als nicht mega fortgeschrittene Surferinnen plantschen wir hier zwar mehr auf dem weissen Schaum herum und kämpfen gegen die starke Strömung. Der Spassfaktor ist jedoch gegeben und fix und fertig entspannen wir nach unseren Surfsessions am Playa Chica, wo überraschend klares Wasser zum schwimmen lockt.

Hier noch auf dem Anfänger-Softboard.
Und neu mit meinem eigenen Baby =D.

Mit dem gefühlten Restsand der ganzen Woche bringt uns ein Taxi zu unserer letzten Unterkunft. Wir haben uns als Abschluss und Kompensation zum schäbigen letzten Appartment 2 Nächte in einem 5***** Hotel gegönnt. Das Santa Catalina Hotel wird seinem Namen als Royal hideaway gerecht. Nur schon die Einfahrt kommt uns königlich vor, fahren wir durch einen Park direkt vor das Hotel, wo uns der Portier sogleich das Surfboard und unser weiteres Gepäck abnimmt. Viki und ich schauen uns nur an und sind leicht überfordert mit dem Luxus, bis wir unser traumhaftest Zimmer betreten mit dem Kingsize Bett, auf dem man wie auf einer riesigen Wolke liegt! Nach den Surftagen ist das die perfekte Kompensation und wir liegen den ganzen Tag am Pool, schlemmen uns durch das Frühstücksbuffet und abends laufen wir fürs Abendessen an die Hafenpromenade und sippen Billigwein aus dem naheliegenden Discounter auf unserem Zimmerbalkon.


Die insgesamt 2-wöchige Reise hat so viel Energie gegeben. Meine Kreativität scheint endlich wieder angekurbelt. Hier habe ich beschlossen, den Busumbau ab sofort zu planen und bis zum Sommer umzusetzen! Zu Hause werde ich meine Surfvorfreude ankurbeln, indem ich mich malerisch auf der weissen Leinwand austobe. Während dem Urlaub haben wir viel gefilmt und beim Schnitt zu Hause in schönen Erinnerungen geschwelgt. Und überhaupt - ich bin sowas von bereit fürs 2021 und all die Veränderungen, die kommen werden!


VISUAL VIBES